Katrin Stalder

Glaube ist Privatsache! Wirklich?

unsplash.com@markusspiske (Foto: Katrin Stalder)

Immer wieder hört man: Glaube ist Privatsache. Würden Sie dem zustimmen? Oder könnte es sein, dass, wer Glaube zur Privatsache erklärt, seine Weltanschauung verabsolutieren will, um damit Macht auszuüben?
Natürlich hat Glaube eine private Komponente. Eine persönliche Beziehung zu Gott ist kostbar. Wie in jeder tiefen Beziehung ist nicht alles öffentlich.
Thomas Bucher,
Glaube und damit verbundene Wertvorstellungen sind aber immer auch öffentlichkeitswirksam. So sollte es z.B. im Interesse aller sein, wenn die in der Bibel genannten Früchte des Heiligen Geistes „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ nicht Privatsache bleiben, sondern in meinem Alltag sicht- und spürbar werden. Das gehört zur Glaubens- und Gewissensfreiheit, die mit dem Recht auf freie, notabene respektvolle Meinungsäusserung einhergehen. So in unserer Verfassung festgehalten.

Vor einiger Zeit las ich einen Artikel über das „Town Village Quartier“ der GvC in Winterthur. Er attestierte diesem Projekt viel Gutes. Gleichzeitig war ständig ein misstrauischer Unterton hörbar: „Wird da doch irgendwie missioniert?“ Der typische Verdacht, dem heute vor allem das religiöse Umfeld ausgesetzt ist. Oft wird er noch mit Machtmissbrauch oder gar Gewaltpotenzial verknüpft. Wäre es nicht im Interesse aller, dass in unserem säkularen und liberalen Staat alle Themen und Meinungen offen und respektvoll geäussert und diskutiert werden dürften? Als Kirche sollen wir uns Fragen und Kritik stellen. Gleichzeitig sollten wir unsere Fragen auch allen anderen zumuten dürfen, die sich keine christliche Weltanschauung auf die Fahne geschrieben haben. Keinem soll das Wort im Hals stecken bleiben, weil seine Weltanschauung zur Privatsache erklärt wird! Im Gegenteil: Mögen unser aller Worte zu guten Gesprächen führen.
Bereitgestellt: 28.06.2021     Besuche: 4 heute, 115 Monat 
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