Katrin Stalder

Aus der Mode geraten

unsplash.com@lishakov (Foto: Katrin Stalder)

Nach der Sommerpause nehme ich meine Serie über Eigenheiten der Orgelmusik wieder auf. Dieses Mal geht es um Mode, aber nicht um verschiedene Kleiderstile, sondern um die Hochs und Tiefs der Orgel. Es gab Zeiten, da war sie topaktuell, und andere Zeiten, da schien sie völlig aus der Mode gekommen. Dabei denke ich gar nicht einmal an unsere Zeit.
Doch schön der Reihe nach: Ursprünglich war die Orgel ein Freiluft- und Zirkusinstrument: ohrenbetäubend laut und primitiv. Zur Römerzeit waren Orgeln tragbar und wurden für Prozessionen gebraucht. Von Kirchenmusik sprach noch niemand. Erst im Mittelalter fand die Orgel langsam den Weg in die Kirchen und Kathedralen.

Einen ersten Höhepunkt erlebte die Orgel in der Zeit des Barocks (ca. 1600-1750). Überall in Europa wurden neue Instrumente gebaut, immer noch grössere und mit noch üppigerer Klangpracht. Zu der Zeit war die Orgel die unbestrittene Königin der Instrumente: Sie konnte am lautesten spielen, hatte die meisten Klangnuancen und war auch von aussen gesehen das grösste Instrument. Komponisten dieser Zeit schrieben viele Meisterwerke für die Orgel.

Dann kam eine Zeit des Niedergangs. Eine neue Generation von Musikern trat auf und interessierte sich nicht mehr für dieses Instrument. Die Aufklärung, die auf die Epoche des Barocks folgte, war der Kirche sowieso nicht freundlich gesonnen, und das schlug sich auch in Kunst und Musik nieder. Haydn, Mozart und Beethoven, drei der allerberühmtesten Komponisten, lebten alle in dieser Zeit und schrieben fast keine oder gar keine Musik für die Orgel. Schade, dass sich diese brillanten Musiker nicht um uns Organisten kümmerten! Zu schade, um einfach darüber hinweg zu gehen. Ich habe je ein Stück von Mozart und von Haydn ausgelesen, die eigentlich für Klavier gedacht sind und sie für Orgel eingerichtet. Hören Sie selbst, ob das klanglich auch ein gutes Ergebnis gibt.

Das dritte Stück in diesem Gottesdienst, das langsame Zwischenspiel, schrieb Mozart für Glasharmonika. Das ist ein ganz exotisches Instrument, das – noch viel mehr als die Orgel – heute völlig aus der Mode gekommen und ganz verschwunden ist.

Zu hören im Gottesdienst am 17. Oktober.

Philipp Neukom, Kirchenmusiker
Bereitgestellt: 22.09.2021     Besuche: 100 Monat 
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