Katrin Stalder

Dreidimensionale Musik

Dreidimensionale Musik 1JPEG (Foto: Katrin Stalder)

Nach der Pause in der Adventsund Weihnachtszeit fahre ich weiter mit meinen Beiträgen, die dazu beitragen sollen, Orgelmusik besser zu verstehen. Heute werfen wir einen Blick sozusagen unter die Motorhaube – wie ist das Ding zusammengesetzt, wie funktioniert es? Musik ist aus zwei grundlegenden Bausteinen aufgebaut: Es gibt eine Melodie und dazu eine Begleitung. Diese beiden sind ganz klar getrennt voneinander.
In früherer Kirchen- und Orgelmusik war das aber nicht so. Sie hielt für lange Zeit das uralte Ideal der sogenannten polyphonen Musik hoch: Es sollte nicht nur eine Stimme die Melodie spielen dürfen und alle anderen die Begleitung dazu liefern. Nein, die Idee war, dass alle, vom tiefsten Bass bis zur höchsten Flöte, gleichberechtigt seien und sich abwechseln mit Melodie und Begleitung. Wenn wir solche Musik mit unseren heutigen Ohren hören, sind wir zuerst einmal irritiert. Wo ist die Melodie in diesem Stück? Gibt es überhaupt eine? Warum hört sich die Musik so kompliziert an? Ist man nicht gefasst, dass die Stimmen ständig ihre Rollen tauschen und die Melodie immer wieder die Stimme wechselt, mal oben und mal unten, mal prominent hörbar und dann wieder kaum vernehmbar ist, verliert man ziemlich bald den Faden im Stück und damit auch das Interesse.

Ich stelle mir solche Musik gerne bildlich vor: Die Melodie ist wie ein Foto, zum Beispiel ein Portrait des Organisten. Nun gibt es aber im Stück nicht nur ein einziges solches Portrait, sondern der Organist wird immer wieder fotografiert: aus verschiedenen Blickwinkeln, einmal fröhlich (vielleicht weil die Musik so schön ist), einmal frustriert (vielleicht weil er schon wieder einen Fehler gemacht hat), einmal nur von Ferne und dann wieder als Detailaufnahme. Alle diese Bilder hängen an verschiedenen Wänden und ergeben ein drei- oder noch mehr dimensionales, räumliches Gesamtbild, das sich erst im Verlaufe des Stückes nach und nach erleben lässt. Eine Gattung von polyphonen Stücken heisst Fuge. In einer Fuge wird die Melodie immer zuerst am Anfang alleine gespielt, und dann setzen die anderen Stimmen eine nach der anderen ein.

Am Sonntag, 16. Januar wird im Gottesdienst eine Fuge von Georg Friedrich Händel, eine von Johann Sebastian Bach (dem Fugenmeister schlechthin) und eine von mir mit der Melodie von Ich stah vor em Chrüz erklingen. Philipp Neukom, Kirchenmusiker
Bereitgestellt: 29.12.2021     Besuche: 100 Monat 
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