Grenzen überschreiten

unsplash.com@markusspiske (Foto: Katrin Stalder)
Nach zwei Jahren eingeschränkter Reiselust sind jetzt wieder ganz viele in alle Welt verreist. Grenzen werden überschritten. Für uns Luxus und Lebensqualität. Für andere dramatisches Ereignis.
Seit einer Woche leben mit uns zwei ukrainische Gäste. Ein kleiner Einblick.

Die Renovation ihrer Wohnung im Donbassgebiet wurde Mitte Januar 2022 abgeschlossen. Kurz darauf ist nichts mehr übrig davon. Ab Ende Februar verbringen sie einen Monat im Bunker, ohne Strom, ohne Heizung, bei klirrender Kälte. Sie übernachten zu zweit auf einer kleinen Isomatte. Lebensmittel und Wasser besorgen sie draussen unter höchster Lebensgefahr. Dann werden sie nach Russland „evakuiert“. Wie ihnen die Flucht nach Georgien gelingt, wollen sie noch nicht erzählen – offenbar ein traumatisches Erlebnis. Nach einiger Zeit wird ihnen bewusst, dass es kein Zurück mehr gibt und sie reisen über die Türkei zu uns.

Nach vier Tagen begleite ich sie ins Bundesasylzentrum nach Basel. Der Ort ist auf der Handy-App Schweiz Mobil mit Gefängnis beschriftet. Und so erleben wir den Ort auch. Ein grosser Zaun mit Stacheldraht begrenzt das Gelände. Wir warten vier Stunden auf die Registrierung. Eine Familie mit kleineren Kindern und eine ältere, hilflose Frau fallen mir auf. Sie werden nach einiger Zeit in einem hässlichen Gebäude auf diesem Gelände untergebracht. Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen. Ich bin froh, als ich endlich mit unsern zwei Gästen das unwirtliche Gelände verlassen kann. Was hat dieser „Gefängnisaufenthalt“ bei unseren Gästen wohl ausgelöst?

Auch wenn wir sie von unseren Ferien her nicht kennen: Es gibt sie, die hässlichen Grenzen zwischen zwei Nationen. Noch hässlicher können Grenzen sein unter uns Menschen. Jesus lebte uns vor, wie wir ohne Grenzen mit anderen Menschen leben können: Er sass zu Tisch mit den verachteten Zöllnern. Er floh nicht vor den Aussätzigen. Er verurteilte die stigmatisierte Ehebrecherin nicht. „We will try“ (wir wollen es versuchen) sagen unsere zwei Gäste, wenn wir ihnen unbekanntes schweizerisches Essen vorsetzen. Ich möchte mir das in Bezug zum Überwinden von Grenzen zum Leitsatz machen.

Fredy Flückiger