Wer ist der Architekt des Stefansviertels?

© hannes_heinzer_1_querformat_hi (Foto: Katrin Stalder)
Im anonymen Wettbewerb haben wir uns für Projekt und Architekturteam entschieden, ohne zu wissen, welche Personen hinter dem Projekt stehen. Hoffnungsvolle Gebete der Kirchgemeinde haben den Jury-Prozess begleitet: auch das Architekturteam soll zu uns passen. Gewonnen hat das Projekt MAYA und damit das Architekturteam um Lukas Imhof. Wer ist Lukas Imhof?
Was ist seine Vision als Architekt? Und was hat seine Architektur mit Mitte und Trost zu tun?

Drei Fragen an Lukas Imhof
Mit dem anonymen Architekturwettbewerb haben wir nicht nur MAYA als bestes Projekt eruiert, sondern auch das Architekturteam um Lukas Imhof für die Umsetzung gewählt. Wir durften Lukas Imhof bereits bei einigen Gelegenheiten erleben und freuen uns, ihn mit diesem Artikel vorzustellen.

Anforderungen an Bau und Menschen
Im Wettbewerbsverfahren wurden viele Anforderungen an das Gebäude gestellt. Es soll die Vision einer gastfreundlichen Heimat umsetzen. Es soll als Kirche erkennbar sein und im Alltag gut funktionieren. Es soll zugänglich wirken und nachhaltig gebaut sein. Nebst all diesen und vielen weiteren baulichen Anforderungen, war uns bewusst, dass für ein gelingendes Projekt entscheidend sein wird, wer als Architekturteam hinter dem Siegerprojekt steht. Als Kirchgemeinde hofften wir auf Menschen, die sensibel auf die Bedürfnisse der Nutzerschaft eingehen und gleichzeitig einen hohen Anspruch an gute, dauerhafte und schöne Architektur haben. Wir sind überzeugt, die Menschen um Lukas Imhof passen zur Kirchgemeinde Hirzenbach. Folgendes Interview gibt einen Einblick in die Denk- und Arbeitsweise von Lukas Imhof.

Was ist deine persönliche Vision als Architekt mit eigenem Büro?
Lukas Imhof: „Das Privileg, für andere bauen zu dürfen, bringt eine grosse Verantwortung und gleichzeitig eine grosse Chance mit sich. Verantwortung gegenüber der Bauherrschaft, der Stadt, der Allgemeinheit, den zukünftigen Nutzerinnen und Nutzern – und gleichzeitig die Chance, einen Ort zu schaffen und zu gestalten. Damit hat man als Architekt:in mit eigenem Büro die Möglichkeit, in kleinen und lokal sehr beschränkten, aber doch wahrnehmbaren Schritten die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen.“

Was fasziniert dich persönlich am „Kirche-Bauen“?
Imhof: „Das Bauen von Sakralräumen ist, neben dem Wohnen natürlich, eine der wichtigsten Konstante im menschlichen Bauen. Sakrale Bauten nehmen in der Geschichte der Architektur einen besonderen Platz ein. So reiht man sich mit dem „Kirche-Bauen“ in eine lange Tradition ein, man steht auf den Schultern von Riesen. Daneben habe ich eine eher persönliche Faszination – immer wieder besuche ich Kirchenräume, geniesse die Stille, die Räume, die Architektur. Und das Gefühl, dass im Kirchenraum noch Spuren der Lebensgeschichten von Generation enthalten sind, rührt mich an: Von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung waren Kirchenräume für Generationen der Ort für die wichtigen Meilensteine eines menschlichen Lebens.“

Du hast das Buch „Midcomfort“ geschrieben. Was beschreibt Midcomfort und was hat dies mit dem Stefansviertel zu tun?
Imhof: „Mit der Idee von ‚Midcomfort‘ habe ich versucht, eine Haltung zur Architektur und zum Bauen zu beschreiben. Sie geht davon aus, dass in der Architektur – anders als in der Kunst oder der Produkteentwicklung – eine lange Haltbarkeit in baulicher und gestalterischer Hinsicht wichtig ist. Ein Haus wechselt man nicht alle Tage - und im Sinne der Nachhaltigkeit wäre es wünschenswert, wenn Lebenszyklen von Bauten wieder länger, nicht immer kürzer würden. Ein wichtiger Punkt dabei ist es, dass Wohnbauten ihrer Bewohnerschaft, über Generationen und Moden hinweg, ein gutes und wohnliches Zuhause bieten können. Sie müssen sich an unterschiedliche Lebensgewohnheiten und -modelle anpassen können. Und zwar idealerweise, ohne dass man deswegen einen Wohnbau ständig umbauen muss. Ich komme zum Schluss, dass sich eine solche Architektur in verschiedener Hinsicht um „Mitte“ bemühen muss: eine Mitte zwischen Avantgarde und Konvention, zwischen Fortschritt und Bewahren, zwischen Erprobtem und Neuem. Dabei denke ich nicht an Mittelmass, sondern an Mitte und Mass, die es zu finden gilt. In den Wohnungsgrundrissen und im architektonischen Ausdruck des Stefansviertel haben wir versucht, eine solche massvolle Mitte zu finden.“ Herzlichen Dank für das Interview*!

Zum Buch Lukas
Imhof ist Inhaber eines Architekturbüros mit rund 13 Mitarbeitenden. Sein Buch „Midcomfort“ sei an dieser Stelle interessierten Laien wie auch Fachpersonen empfohlen. Es handelt davon, dass Häuser in ihrer Einfachheit funktionieren und gleichzeitig von gestalterischer Exzellenz zeugen sollen. Auf der Suche nach dem richtigen Mass sei Einfühlungsvermögen der Entwerfenden genauso wichtig wie der Anspruch, Herausragendes leisten zu wollen. So soll Architektur Raum für die Mitte des Alltags bieten und Trost (engl. comfort) spenden. Geglückte Architektur sei dann der Fall, wenn sie Heimat wird. Vielleicht eine gastfreundliche Heimat für ein inspiriertes Hirzenbach? Begegnung vor Ort Wir durften Lukas Imhof jüngst auch persönlich besser kennenlernen. Wir wurden zu einer Besichtigung des von ihm neu gebauten Kindergartens nach Horn eingeladen. Er hat uns an diesem Projekt noch einmal eindrücklich aufgezeigt, wie kontextsensibel er und sein Team arbeiten. Sie gehen mit ihren Projekten sorgfältig auf die Nachbarschaft und die Bauherrschaft ein. Noch mehr Vorfreude auf die Zusammenarbeit mit Lukas Imhof weckte auch das Gespräch mit einem sympathischen Fachplaner, der mit Imhof in Horn zusammengearbeitet hatte. Er erzählte begeistert vom positiven Miteinander. Zusammenfassend meinte er, Lukas sei „halt einfach eine coole Socke“. Wir können das nur bestätigen. *Das Interview wurde schriftlich geführt.

Stefan Girsberger, Arbeitsgruppe Stefansviertel Marcel Grob, Gesamtprojektleiter